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Über das Loslassen #4

Nachdem sich der allgemeine Gesundheitszustand meiner Schwiegermutter nun immer weiter verschlechterte, und sich dann doch von ihrem Mann überreden ließ, einen Arzt aufzusuchen, wurde schlussendlich Darmkrebs diagnostiziert.

Die typischen Anzeichen dafür hatte Sie in den vergangenen Jahren erfolgreich verdrängt bzw. ignoriert – nicht zuletzt auch durch die Einwirkungen des Geistheilers. Und hier fängt auch der eigentliche Kern der Geschichte an.

In der hier zugrunde liegenden Geistheilerei gibt es – wie in der Schulmedizin auch –Ursachen und Wirkungen. Nur, dass diese natürlich etwas anders gelagert und interpretierbar (will sagen: schwammig) sind. Sagen wir – Du hast Verstopfung. Die Ursache dafür wäre dann z.B.: Du kannst etwas nicht loslassen. Wenn Du einen Schnupfen hast, dann hast Du beispielsweise von etwas die Nase voll. Kein Witz – das sind Weisheiten, mit denen ich allen Ernstes konfrontiert werde! Jemand der empathisch genug ist, oder einfach nur genug von Dir weiß, kann Dir also auf den Kopf zusagen, was gerade nicht stimmt. Um bei dem Verstopfungsbeispiel zu bleiben: Meine Schwiegermutter ist eine Gluckenmama – dass würde selbst ein Primat nach 2 Stunden Gespräch mit Ihr begriffen haben. Der Geistheiler und meine Schwiegermutter unterhalten sich also darüber, dass sie sich allerlei Sorgen um das Glück Ihres Sohnes macht, ist Sie doch manchmal nicht ganz glücklich mit seinen allgemeinen Lebensumständen.

Also befragt der Geisterheiler die Geister und diese sagen ihm kurz darauf: Irgendetwas lässt Du nicht los. Wenn Du das findest und es änderst, dann ist es auch mit der Verstopfung vorbei. Zack! Und schon sind wir aus dem Schneider. Während ein Mediziner für seine Falschdiagnose verklagt wird, ist man bei einem Geistheiler selbst schuld, wenn es auf dem Klo nicht klappt. Denn die Ursache ist ja bewusst so schwammig formuliert, dass man damit alles oder nichts machen kann. Also entweder hat man selbst nicht genug an die Heilung geglaubt, oder man hat halt nicht hart genug an der Lösung des Problems gearbeitet. Wenn es hart auf hart kommt, kann der Heiler auch immer noch behaupten, dass deinem Geist einfach nicht geholfen werden darf, da es sich um einen wichtigen Lernprozess innerhalb des Reinkarnationskarussells handelt. Oder weil der Geist die Heilung schlichtweg ablehnt. Und mal ganz davon abgesehen: wer hat behauptet, dass ihr Sohn gemeint war? Ihr versteht, worauf ich hinaus will?

Wenn man dann also hart und lange an der Lösung der Ursache arbeitet und immer fleißig wieder den Heiler konsultiert, dann gehen da schon mal die Jahre ins Land. Jahre, in denen so ein Tumor zu stattlicher Größe und Verbreitungsfreudigkeit heranreifen kann, der für die Verstopfung nun die eigentliche physikalische Ursache ist.

Der Geistheiler meiner Schwiegermutter hatte übrigens bis kurz vor dem ersten CT jedenfalls noch standhaft behauptet, das wäre ja gar kein Krebs, und sie solle einfach fleißig weiter an sich arbeiten.
Tja, da hätte er wohl bei dem Zwiegespräch mit dem Geist meiner Schwiegermutter besser zuhören sollen.

In einem Anflug von Vernunft hat Sie sich dann doch noch operieren lassen – schließlich stand es 1 Minute vor Darmverschluss. Die OP ist dann auch gut verlaufen, die Ärzte waren zufrieden.
Um die Behandlung abzuschließen, empfahlen ihr die Ärzte dann entsprechend den Behandlungsrichtlinien eine Chemotherapie. Und damit ging das ganze Theater wieder von vorn los. Der Superheiler empfahl ihr, tief in sich hineinzuhorchen, und dann selbst zu entscheiden. Wenn Sie ab sofort Ihr Verhalten anpassen würde und aus der Vergangenheit lerne, müsse das nicht sein. Und das war dann auch der Zeitpunkt, wo mir das erste Mal richtig der Kragen geplatzt ist.

Versteht mich nicht falsch – ich kann und werde niemanden zu einer schwierigen und vielleicht auch gefährlichen Behandlung raten oder gar dazu drängen. Ich bin schließlich kein Mediziner. Von so einer Chemo hört man ja teilweise auch die übelsten Dinge. Nicht zuletzt wird dem Körper auf nicht zu freundliche Weise ein Gift beigebracht, welches das Ziel hat, Zellen abzutöten. Vorzugsweise eben möglichst viele Krebszellen und möglichst wenige gesunde Zellen. Hat man dann den Körper mehr oder minder stark vergiftet, hofft man, dass man alle restlichen im Körper befindenden Krebszellen abgetötet hat, so dass nichts mehr nachkommt. Ich kann nur sagen: ich hätte eine Sch...angst vor so etwas und ich empfinde tiefsten Respekt vor den Menschen, die so etwas durchstehen.

Wie könnte ich also jemanden zu so etwas drängen?! Umgekehrt sind die generellen Heilungschancen bei dieser Krebsform mit einer Chemo wohl wesentlich besser als ohne – sonst gäbe es ja die Behandlungsrichtlinie nicht, die sicherstellen soll, dass jeder Mensch das gleiche angeboten bekommt. Oder sehe ich das falsch? Sicher – man kann jetzt wieder mit der Profitgier und dem Lobbyismus der Pharmaindustrie argumentieren – wenn mir das aber die Haut rettet, sollen sich die Vorstände der Pharmaindustrie doch meinetwegen den Schw... vergolden lassen. Wen interessiert’s?

Da sich in unserem Freundeskreis nun mehrere Ärzte befinden, haben wir diese also um Rat ersucht. Mit dem Erfolg, das man uns auf dem kurzen Dienstweg an einen Spezialisten zwecks Beratung (!) hätte weitervermitteln können. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, wie dämlich ich geguckt habe, als dieses Angebot mit der Begründung, dass man ja schließlich gesund sei, ausgeschlagen wurde. Mit Engelszungen habe ich auf sie eingeredet, sie möge sich doch bitte zumindest an zweiter und dritter Stelle informieren, bevor sie die Behandlung ablehnt. Aber nein – es sei zwar sehr schön, dass ich mir solche Gedanken machte, und das wüsste Sie auch sehr zu schätzen, aber das alles sei nun nicht nötigt, sie wäre ja schließlich gesund, und einen gesunden Körper brauche man doch nicht zu vergiften. Es half also kein Heulen, kein Fluchen, keine Wutausbrüche.

Ich muss sagen, dass mich das wirklich fertig gemacht hat. Meine Frau und ich hatten ordentlich Zoff deswegen, weil ich Ihr vorgeworfen habe, Sie würde nicht genügend Einfluss auf Ihre Mutter nehmen. Das war natürlich gemein und das tut mir sehr leid, denn heute weiß ich, dass da niemand etwas hätte ausrichten können – außer der sogenannte Heiler selbst natürlich. Ich war so fertig, dass ich sogar bei der Sektenberatung angerufen habe, in der Hoffnung, man könne DAS schlagende Argument gegen solche Leute finden und alle wieder zur Vernunft bringen. Wie gesagt: es ging ja nur darum, sich weiter zu informieren um dann auf Grundlage der Fakten eine anständige Entscheidung zu treffen. Vielleicht wäre dabei ja auch herausgekommen, dass man in ihrem Fall wirklich nichts machen brauch/ sollte. Aber das ist ja nun egal.

Mit dem freundlichen Herrn der Sektenberatung habe ich dann bestimmt 2 Stunden telefoniert, allerdings konnte er mir natürlich keine Wunderwaffe besorgen. Trotzdem fühlte ich mich anschließend wirklich besser und auch ein wenig befreit. Es gibt aber auch tatsächlich das eine globale Argument.

Verwechsle Heil nicht mit Heilung. Zwar kannst Du beides nicht von Gott erzwingen, aber das eine kannst Du suchen und finden, das andere muss Dir von Gott gewährt werden. Mit anderen Worten: das göttliche zeichnet sich eben dadurch aus, dass es über den Dingen steht. Heilung lässt sich also nicht „erzwingen“ in dem man diese auf eine schlichte „wenn/ dann“ -Formel reduziert. Wer will schon von sich behaupten, dass er in der Lage sei, Gott vorzuschreiben, wie er sich verhalten solle? „Du musst diese Frau jetzt heilen, denn Sie hat den von Dir vorgegebenen Pfad beschritten und ist voll des Glaubens an Dich!“ Und Gott macht das dann?!

Ich bin wirklich kein religiöser Mensch, bin sogar aus der Kirche ausgetreten. Aber ich dachte immer: Glauben ist nicht Wissen! Glauben ist Bitten und folgt keiner weiteren Kausalität. Aber das kann es doch wohl nicht sein. Ein Versicherungen-verkaufender Geistheiler teilt Gott mit, wen er zu heilen hat?! Oder hält der sich etwa selbst für den Messias...?
Oder teilt er es nur dem Geist eines Menschen mit? Hoffentlich hört der Geist dann besser zu als er dem Geist!

Tut mir leid – ich bin nicht zu bewandert in die Techniken der Geistheilung – ich bekomme auf Nachfragen nur stereotype Antworten, wie „Es ist alles so einfach, aber für Dich irgendwie doch zu kompliziert“, „Es ist eine Frage des Glaubens, wer nicht glaubt dem kann man das nicht erklären“, „Wenn Du gesehen hättest, was ich gesehen habe – BEWEISE!“ usw. Apropos BEWEISE: Gerne werden mir dann Geschichten von Leuten aufgetischt, die angeblich von irgendwelchen Krankheiten geheilt worden sind. Dass vermeintliche Geheimnisse über Leute oder deren plötzliche Genesung auch mit einem gesunden Maß an Empathie und konventioneller Medizin hätten gelüftet bzw. erklärt werden können (und zwar von mir als Laien!!!) wird mit den entsprechenden Kommentaren geahndet: „Sag ich doch, dass Du das nicht verstehst. Macht keinen Sinn. Dir das zu erklären...“

Ich verstehe auch offen gesagt nicht, warum das eine das andere ausschließen soll? Mir sagt ja auch kein Arzt, ich dürfe nicht an Gott glauben, sonst gelänge die Operation nicht. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass eine abschließende Heilung nur durch das zuvor gefundene Heil erfolgen kann. Mit Sicherheit haben Patienten, die ihren Inneren Frieden gefunden haben und positiv und motiviert sind, es leichter – ich bin kein Trottel, der die Selbstheilungskräfte des Körpers unterschätzt.

Aber all diese Argumente haben einen grundsätzlichen Fehler: Sie basieren auf dem Kern der Logik. Auch der freundliche Hinweis, dass der selbsternannte Heiler ja schon einmal einem beinahe fatalen Irrtum aufgesessen ist, zählt da nicht mehr.

Es war dann auch der Herr von der Sektenberatung, der mir das begreiflich machte. Ist ein Mensch einmal an solch einem Punkt angelangt und ist dieser Grad der geistigen/ spirituellen Abhängigkeit erreicht, hat ein rational denkender Außenstehender keine Möglichkeit mehr, aktiv einzugreifen. Auch wenn mich das nicht beruhige, wäre mein Fall dann einer unter Vielen, die alle nach dem Schema-F gestrickt sind.
Das einzige, was man noch tun könne, sei dem Menschen zu erklären, dass man diese Entscheidung nicht gut heiße, sie auch nicht akzeptiere, sondern sie ausschließlich respektiere. Man kann diesem Menschen zeigen, dass er trotzdem geliebt wird, und dass man den eingeschlagenen Weg zusammen bis zum Ende mitgehen werde. Wenn man Glück hat, kommt derjenige dann noch rechtzeitig zur Vernunft, durchbricht vielleicht sogar einen unbewussten Kreis der Selbstzerstörung und –bestrafung und lässt sich in die Arme der Menschen fallen, die einen lieben.

All das habe ich Ihr im Übrigen auch so gesagt, und gerne hätte ich darauf vertraut, dass sie noch die Kurve kriegt. Ich weiß nicht, ob ich meinen Frieden mit der Sache wirklich gemacht habe, oder ob ich einfach nur erfolgreich den Kopf in den Sand gesteckt habe. Eine häufige Folgeerkrankung von Darmkrebs sind Lebermetastasen. Nun ist ein Jahr vergangen, und Sie müsste dringend wieder auf den OP-Tisch. Sie müsste...

 

 

TBC...

 

28.5.10 18:05
 


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