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Über das Loslassen #4

Nachdem sich der allgemeine Gesundheitszustand meiner Schwiegermutter nun immer weiter verschlechterte, und sich dann doch von ihrem Mann überreden ließ, einen Arzt aufzusuchen, wurde schlussendlich Darmkrebs diagnostiziert.

Die typischen Anzeichen dafür hatte Sie in den vergangenen Jahren erfolgreich verdrängt bzw. ignoriert – nicht zuletzt auch durch die Einwirkungen des Geistheilers. Und hier fängt auch der eigentliche Kern der Geschichte an.

In der hier zugrunde liegenden Geistheilerei gibt es – wie in der Schulmedizin auch –Ursachen und Wirkungen. Nur, dass diese natürlich etwas anders gelagert und interpretierbar (will sagen: schwammig) sind. Sagen wir – Du hast Verstopfung. Die Ursache dafür wäre dann z.B.: Du kannst etwas nicht loslassen. Wenn Du einen Schnupfen hast, dann hast Du beispielsweise von etwas die Nase voll. Kein Witz – das sind Weisheiten, mit denen ich allen Ernstes konfrontiert werde! Jemand der empathisch genug ist, oder einfach nur genug von Dir weiß, kann Dir also auf den Kopf zusagen, was gerade nicht stimmt. Um bei dem Verstopfungsbeispiel zu bleiben: Meine Schwiegermutter ist eine Gluckenmama – dass würde selbst ein Primat nach 2 Stunden Gespräch mit Ihr begriffen haben. Der Geistheiler und meine Schwiegermutter unterhalten sich also darüber, dass sie sich allerlei Sorgen um das Glück Ihres Sohnes macht, ist Sie doch manchmal nicht ganz glücklich mit seinen allgemeinen Lebensumständen.

Also befragt der Geisterheiler die Geister und diese sagen ihm kurz darauf: Irgendetwas lässt Du nicht los. Wenn Du das findest und es änderst, dann ist es auch mit der Verstopfung vorbei. Zack! Und schon sind wir aus dem Schneider. Während ein Mediziner für seine Falschdiagnose verklagt wird, ist man bei einem Geistheiler selbst schuld, wenn es auf dem Klo nicht klappt. Denn die Ursache ist ja bewusst so schwammig formuliert, dass man damit alles oder nichts machen kann. Also entweder hat man selbst nicht genug an die Heilung geglaubt, oder man hat halt nicht hart genug an der Lösung des Problems gearbeitet. Wenn es hart auf hart kommt, kann der Heiler auch immer noch behaupten, dass deinem Geist einfach nicht geholfen werden darf, da es sich um einen wichtigen Lernprozess innerhalb des Reinkarnationskarussells handelt. Oder weil der Geist die Heilung schlichtweg ablehnt. Und mal ganz davon abgesehen: wer hat behauptet, dass ihr Sohn gemeint war? Ihr versteht, worauf ich hinaus will?

Wenn man dann also hart und lange an der Lösung der Ursache arbeitet und immer fleißig wieder den Heiler konsultiert, dann gehen da schon mal die Jahre ins Land. Jahre, in denen so ein Tumor zu stattlicher Größe und Verbreitungsfreudigkeit heranreifen kann, der für die Verstopfung nun die eigentliche physikalische Ursache ist.

Der Geistheiler meiner Schwiegermutter hatte übrigens bis kurz vor dem ersten CT jedenfalls noch standhaft behauptet, das wäre ja gar kein Krebs, und sie solle einfach fleißig weiter an sich arbeiten.
Tja, da hätte er wohl bei dem Zwiegespräch mit dem Geist meiner Schwiegermutter besser zuhören sollen.

In einem Anflug von Vernunft hat Sie sich dann doch noch operieren lassen – schließlich stand es 1 Minute vor Darmverschluss. Die OP ist dann auch gut verlaufen, die Ärzte waren zufrieden.
Um die Behandlung abzuschließen, empfahlen ihr die Ärzte dann entsprechend den Behandlungsrichtlinien eine Chemotherapie. Und damit ging das ganze Theater wieder von vorn los. Der Superheiler empfahl ihr, tief in sich hineinzuhorchen, und dann selbst zu entscheiden. Wenn Sie ab sofort Ihr Verhalten anpassen würde und aus der Vergangenheit lerne, müsse das nicht sein. Und das war dann auch der Zeitpunkt, wo mir das erste Mal richtig der Kragen geplatzt ist.

Versteht mich nicht falsch – ich kann und werde niemanden zu einer schwierigen und vielleicht auch gefährlichen Behandlung raten oder gar dazu drängen. Ich bin schließlich kein Mediziner. Von so einer Chemo hört man ja teilweise auch die übelsten Dinge. Nicht zuletzt wird dem Körper auf nicht zu freundliche Weise ein Gift beigebracht, welches das Ziel hat, Zellen abzutöten. Vorzugsweise eben möglichst viele Krebszellen und möglichst wenige gesunde Zellen. Hat man dann den Körper mehr oder minder stark vergiftet, hofft man, dass man alle restlichen im Körper befindenden Krebszellen abgetötet hat, so dass nichts mehr nachkommt. Ich kann nur sagen: ich hätte eine Sch...angst vor so etwas und ich empfinde tiefsten Respekt vor den Menschen, die so etwas durchstehen.

Wie könnte ich also jemanden zu so etwas drängen?! Umgekehrt sind die generellen Heilungschancen bei dieser Krebsform mit einer Chemo wohl wesentlich besser als ohne – sonst gäbe es ja die Behandlungsrichtlinie nicht, die sicherstellen soll, dass jeder Mensch das gleiche angeboten bekommt. Oder sehe ich das falsch? Sicher – man kann jetzt wieder mit der Profitgier und dem Lobbyismus der Pharmaindustrie argumentieren – wenn mir das aber die Haut rettet, sollen sich die Vorstände der Pharmaindustrie doch meinetwegen den Schw... vergolden lassen. Wen interessiert’s?

Da sich in unserem Freundeskreis nun mehrere Ärzte befinden, haben wir diese also um Rat ersucht. Mit dem Erfolg, das man uns auf dem kurzen Dienstweg an einen Spezialisten zwecks Beratung (!) hätte weitervermitteln können. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, wie dämlich ich geguckt habe, als dieses Angebot mit der Begründung, dass man ja schließlich gesund sei, ausgeschlagen wurde. Mit Engelszungen habe ich auf sie eingeredet, sie möge sich doch bitte zumindest an zweiter und dritter Stelle informieren, bevor sie die Behandlung ablehnt. Aber nein – es sei zwar sehr schön, dass ich mir solche Gedanken machte, und das wüsste Sie auch sehr zu schätzen, aber das alles sei nun nicht nötigt, sie wäre ja schließlich gesund, und einen gesunden Körper brauche man doch nicht zu vergiften. Es half also kein Heulen, kein Fluchen, keine Wutausbrüche.

Ich muss sagen, dass mich das wirklich fertig gemacht hat. Meine Frau und ich hatten ordentlich Zoff deswegen, weil ich Ihr vorgeworfen habe, Sie würde nicht genügend Einfluss auf Ihre Mutter nehmen. Das war natürlich gemein und das tut mir sehr leid, denn heute weiß ich, dass da niemand etwas hätte ausrichten können – außer der sogenannte Heiler selbst natürlich. Ich war so fertig, dass ich sogar bei der Sektenberatung angerufen habe, in der Hoffnung, man könne DAS schlagende Argument gegen solche Leute finden und alle wieder zur Vernunft bringen. Wie gesagt: es ging ja nur darum, sich weiter zu informieren um dann auf Grundlage der Fakten eine anständige Entscheidung zu treffen. Vielleicht wäre dabei ja auch herausgekommen, dass man in ihrem Fall wirklich nichts machen brauch/ sollte. Aber das ist ja nun egal.

Mit dem freundlichen Herrn der Sektenberatung habe ich dann bestimmt 2 Stunden telefoniert, allerdings konnte er mir natürlich keine Wunderwaffe besorgen. Trotzdem fühlte ich mich anschließend wirklich besser und auch ein wenig befreit. Es gibt aber auch tatsächlich das eine globale Argument.

Verwechsle Heil nicht mit Heilung. Zwar kannst Du beides nicht von Gott erzwingen, aber das eine kannst Du suchen und finden, das andere muss Dir von Gott gewährt werden. Mit anderen Worten: das göttliche zeichnet sich eben dadurch aus, dass es über den Dingen steht. Heilung lässt sich also nicht „erzwingen“ in dem man diese auf eine schlichte „wenn/ dann“ -Formel reduziert. Wer will schon von sich behaupten, dass er in der Lage sei, Gott vorzuschreiben, wie er sich verhalten solle? „Du musst diese Frau jetzt heilen, denn Sie hat den von Dir vorgegebenen Pfad beschritten und ist voll des Glaubens an Dich!“ Und Gott macht das dann?!

Ich bin wirklich kein religiöser Mensch, bin sogar aus der Kirche ausgetreten. Aber ich dachte immer: Glauben ist nicht Wissen! Glauben ist Bitten und folgt keiner weiteren Kausalität. Aber das kann es doch wohl nicht sein. Ein Versicherungen-verkaufender Geistheiler teilt Gott mit, wen er zu heilen hat?! Oder hält der sich etwa selbst für den Messias...?
Oder teilt er es nur dem Geist eines Menschen mit? Hoffentlich hört der Geist dann besser zu als er dem Geist!

Tut mir leid – ich bin nicht zu bewandert in die Techniken der Geistheilung – ich bekomme auf Nachfragen nur stereotype Antworten, wie „Es ist alles so einfach, aber für Dich irgendwie doch zu kompliziert“, „Es ist eine Frage des Glaubens, wer nicht glaubt dem kann man das nicht erklären“, „Wenn Du gesehen hättest, was ich gesehen habe – BEWEISE!“ usw. Apropos BEWEISE: Gerne werden mir dann Geschichten von Leuten aufgetischt, die angeblich von irgendwelchen Krankheiten geheilt worden sind. Dass vermeintliche Geheimnisse über Leute oder deren plötzliche Genesung auch mit einem gesunden Maß an Empathie und konventioneller Medizin hätten gelüftet bzw. erklärt werden können (und zwar von mir als Laien!!!) wird mit den entsprechenden Kommentaren geahndet: „Sag ich doch, dass Du das nicht verstehst. Macht keinen Sinn. Dir das zu erklären...“

Ich verstehe auch offen gesagt nicht, warum das eine das andere ausschließen soll? Mir sagt ja auch kein Arzt, ich dürfe nicht an Gott glauben, sonst gelänge die Operation nicht. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass eine abschließende Heilung nur durch das zuvor gefundene Heil erfolgen kann. Mit Sicherheit haben Patienten, die ihren Inneren Frieden gefunden haben und positiv und motiviert sind, es leichter – ich bin kein Trottel, der die Selbstheilungskräfte des Körpers unterschätzt.

Aber all diese Argumente haben einen grundsätzlichen Fehler: Sie basieren auf dem Kern der Logik. Auch der freundliche Hinweis, dass der selbsternannte Heiler ja schon einmal einem beinahe fatalen Irrtum aufgesessen ist, zählt da nicht mehr.

Es war dann auch der Herr von der Sektenberatung, der mir das begreiflich machte. Ist ein Mensch einmal an solch einem Punkt angelangt und ist dieser Grad der geistigen/ spirituellen Abhängigkeit erreicht, hat ein rational denkender Außenstehender keine Möglichkeit mehr, aktiv einzugreifen. Auch wenn mich das nicht beruhige, wäre mein Fall dann einer unter Vielen, die alle nach dem Schema-F gestrickt sind.
Das einzige, was man noch tun könne, sei dem Menschen zu erklären, dass man diese Entscheidung nicht gut heiße, sie auch nicht akzeptiere, sondern sie ausschließlich respektiere. Man kann diesem Menschen zeigen, dass er trotzdem geliebt wird, und dass man den eingeschlagenen Weg zusammen bis zum Ende mitgehen werde. Wenn man Glück hat, kommt derjenige dann noch rechtzeitig zur Vernunft, durchbricht vielleicht sogar einen unbewussten Kreis der Selbstzerstörung und –bestrafung und lässt sich in die Arme der Menschen fallen, die einen lieben.

All das habe ich Ihr im Übrigen auch so gesagt, und gerne hätte ich darauf vertraut, dass sie noch die Kurve kriegt. Ich weiß nicht, ob ich meinen Frieden mit der Sache wirklich gemacht habe, oder ob ich einfach nur erfolgreich den Kopf in den Sand gesteckt habe. Eine häufige Folgeerkrankung von Darmkrebs sind Lebermetastasen. Nun ist ein Jahr vergangen, und Sie müsste dringend wieder auf den OP-Tisch. Sie müsste...

 

 

TBC...

 

28.5.10 18:05


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Über das Loslassen #3

Zum 50. meiner Schwiegermutter war es dann auch so weit: Ich habe den Typen persönlich kennen gelernt. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass da eine charismatische Lichtgestalt käme - ein Sympathieträger, einen Charmebolzen. Aber nein. Äußerlich ein Niemand mit schlechten Zähnen, als Vorgeschichte arbeitslos mit gescheitertem Jura-Studium und halt Versicherungsverkäufer, der gern einen Strukturvertrieb aufmachen wollte.

Nebenbei: Ein Strukturvertrieb ist so etwas wie ein Schneeballsystem. Das gleiche gibt es auch als Glücksspielvariante - da ist es dann lt. UWG verboten. Bei den Versicherungsunternehmen ist das aber wohl nicht unüblich. Naja - da will ich mich jetzt nicht drüber auslassen, gehört auch nicht direkt zum Thema.

Da ich damals auch noch 10 Jahre jünger war und ein rechter Hitzkopf, habe ich mich für unheimlich schlau gehalten, und dachte, ich könne den einfach mal nieder reden, was mir natürlich nicht geglückt ist.

Also hier eine Warnung an alle - eine Diskussion mit solchen Typen ist absolut überflüssig. Mit Logik kann man denen nicht kommen, und wenn man ihnen beweist, dass sie sich in Ihre eigenen Widersprüchen verstricken, heißt es, man sei ungläubig und unwissend, deshalb gäbe es die Widersprüche nur für mich. Statt einer Diskussion wird man wahrscheinlich nur wütend und läuft in Gefahr, die Selbstbeherrschung zu verlieren, was auch prompt mit Kommentaren wie "Ohh, warum bist Du nur so aggressiv? Ich selbst bin doch die Ruhe in Person. Da siehst Du mal, wer Recht hat!" geahndet wird. Also tut Euch den Gefallen, und lasst es einfach - diesem Abschaum kommt man nicht mit Worten bei.

Also gingen die Jahre ins Land, meine Schwiegereltern ließen sich anständig heilen und investierten vorsorglich auch noch in diverse Finanzgeschäfte, teils dubios, teils seriös - dafür aber mit schlechter Beratung.

Dabei ging dann (so wie ich das aus Erzählungen rekonstruieren kann) ein nicht unerheblicher Teil der Altersvorsorge, die vorher in sicheren (aber dafür natürlich nicht ganz so lukrativen) Papieren angelegt war, ins Finanznirwana ein und mein Schwiegervater hätte beinahe ein Bein eingebüßt, wenn er sich nicht doch noch im letzten Moment doch noch zum Arzt begeben hätte, um sich Diabetes II attestieren zu lassen. Mit Geld weg und Zucker da ist dann mein Schwiegervater doch mal kurz aufgewacht, hat alles Geld abgezogen und war beleidigt. Mein freundlicher Hinweis, er könne dem Typen ja nicht böse sein, er selbst habe ja schließlich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte unterschrieben und nun dürfe er sich allenfalls über sich selbst ärgern und es für die Zukunft einfach besser wissen, ist da nicht besonders wohlwollend aufgenommen worden. Naja - warum auch schlau werden. Und Zynismus war noch nie seine Stärke...

Ach ja - und mit der Heilung ist es dann ja auch so eine Sache. Wenn es nicht klappt, dann liegt es ja nicht am Geistheiler. Ausreden gibt es da eine Menge:

1. Dein Glaube war nicht stark genug

2. Du hast Dein Leben nicht entsprechend geändert

3. Du bist noch nicht so weit.

4. Du hast Deine Dir auferlegte Lektion noch nicht gelernt. etc etc

Ich glaube, auf meinen Schwiegervater und seinen Zucker trafen gleich alle 4 Punkte zu. Auch eine Möglichkeit, jemanden abzukanzeln, oder?

Weitere Jahre vergingen, und ich dachte erst, dass das Thema damit dann erstmal erledigt war. Dachte ich. Meine Schwiegermutter hatte aber noch weiterhin Kontakt. Tja und als mein Schwager dann Papa wurde, ging das Ganze wieder von vorne los. Mein Schwiegervater und der Geistheiler hatten eine freundschaftliche Aussprache und es wurde fleißig weiter gegeistheilt. Hier ein paar Stichpunkte mit dem Thema "Warum Arzt/ 112, wenn man eine Hand zum Auflegen oder eine Telefonverbindung zum Messias hat?"

- Kind fällt vom Stuhl auf dem Kopf, blutet, kotzt, läuft nicht mehr geradeaus.

- Kind verschluckt sich, kriegt keine Luft, läuft bald blau an.

- Kind hat scharlachähnliche Symptome.

- Kind geht über den Lenker des Laufrades, blutet aus der Nase und Lippe. Aufprall so heftig, dass Fahrradhelm geborsten.

Es tut mir leid, aber so etwas macht mich krank. Es ist eine Sache, wenn Erwachsene meinen, Sie müssten Ihr Leben wegwerfen. Aber ein unschuldiges Kind? Merken diese Leute noch irgendetwas?! Mein eigener Sohn ist ein Jahr jünger. Ich dachte dann, es wäre  an der Zeit, für klare Verhältnisse zu sorgen und meinen Standpunkt darzulegen. Also habe ich das folgende gesagt:

"Wenn ich zu irgendeiner Zeit erfahre, dass meinem Sohn eine angeratene medizinische Behandlung zugunsten einer Geistheileraktion vorenthalten wird, vergesse ich mich. Ich werde dann ungeachtet sämtlicher Konsequenzen dem Typen einen Besuch abstatten und Ihn so lange windelweich prügeln, bis er darum bettelt, meine Familie in Ruhe lassen zu dürfen. Meinetwegen dürft ihr aus dem Wartezimmer der Kinderarztes/ Krankenhauses soviel mit diesem Parasiten telefonieren, wie ihr wollt. Solltet ihr nicht so verfahren, werdet ihr mich von einer komplett anderen Seite kennen lernen. Diese Warnung spreche ich nur einmal aus."

Ich will wirklich glauben, dass man sich daran hält.

Ich muss alles tun, was nötig ist, um meine kleine Familie vor solchen Spinnern zu schützen. Alles.

TBC...

25.5.10 19:53


Über das Loslassen #2

Vielleicht habe ich falsch angefangen, und ich sollte her auf den Punkt kommen. Das war schon immer mein Problem.

 Vor einigen Jahren hatte mein Schwager, der schon wirklich alles ausprobiert und angeschleppt hat, um irgendwie an Geld zu kommen, auf irgendsoeiner Veranstaltung einen Typen kennen gelernt, der von sich behauptete, er könne Leute heilen. Also ein Geistheiler. Zunächst habe ich mir dabei nichts gedacht - irgendsoein größenwahnsinniger Spinner mit viel Überzeugungskraft und netten Worten, sagte ich mir. Nichts besonderes - Typen aus der Kathegorie hatte mein Schwager schon häufiger mitgebracht. Tatsächlich scheint er für merkwürdige Gemüter so etwas wie einen eingebauten Magneten zu haben.

Mit der Zeit nahm das Ganze jedoch andere Formen an. Da mein Schwager merkwürdigerweise schon immer ein hohes Maß an Überzeugungskraft bei seinen Eltern hatte, kamen die dann auch langsam auf den Geschmack.
Zunächst wurden die 3 Vegetarier. Gut, dachte ich. Jetzt ist mal der Zeitpunkt, nachzufragen. Antwort: Weil kein Tier für einen leiden soll. Man habe schließlich die Wahl, und da kann man auf Fleisch verzichten. Wenn nicht, gäbe es schlechtes Karma, und bekommt es in einem nächsten Leben aufs Butterbrot geschmiert, und man bezahlt einen Preis dafür. Oder man klettert auf der Wiedergeburtsleiter dank eines Karmakontos im Soll so lange nach oben, bis man die nächste Stufe des Bewusstseins erlangt. Och, da kann man ja mal einhaken, und mal in die Tiefe gehen, dachte ich mir. Und das ging so:

F: Was ist dann mit den Löwen? Die können gar kein Gras essen, um sich zu ernähren. Nur, wenn Ihnen ein Knochen querliegt oder sie zu viel Fell beim Putzen geschluckt haben. Jeder Löwe, der auf tierische Nahrung verzichtet, wird krank und stirbt irgendwann.
A: Wenn die Löwen irgendwann dazu gelernt haben, dann können die auch Gras fressen.

F: Wenn also Menschen ein Unglück widerfährt, dann hat das also Ursachen in der Lebensweise, dem Glauben und eben des Karmakontos. Gut und böse gibt es dabei nicht wirklich. Die Seele ist sowas wie ein wanderndes, nach Antwort suchendes Kind, dass ganz und gar unschuldig ist. Hat es an einer Stelle ausgelernt, dann wandert es weiter (Tod und Wiedergeburt). Also haben alle Menschen bzw. deren Seelen, die an den mittelbaren und Umittelbaren Folgen von... sagen wir Hiroshima/ Nagasaki...leiden, entweder ein Karmakonto im Soll oder ausgelernt?
A: Ja.

F: Gut, also Ihr wollt kein Fleisch mehr essen, weil das schlechtes Karma gibt. Was ist mit Eurem Ledergürtel, den Lederschuhen, der Daunenjacke? Haben diese Tiere Ihre Haut/ Ihre Federn denn freiwillig hergegeben? Sind die Hühner aus Massenhaltung glücklich? Wo kommen die hin, wenn Sie nach max. 1-2 Jahren keine Eier mehr legen können? Ins Hühner-Seniorenheim?! Finden Kühe es lustig, wenn man aus Ihren Mägen das Enzym gewinnt, aus dem man Käse herstellen kann? Was ist denn mit den Kopfschmerztabletten, dem Hustensaft. Waren die Affen in den Versuchslaboren dankbar, dass Ihnen endlich jemand Medizin zum Probieren gibt? Was ist mit dem Shampoo, Duschgel, Lippenstift. Die Tiere waren auch alle glücklich in den Laboren? Und die, die Ihr Fett für die ganzen Kosmetik-Artikel geben auch?
A: Das verstehst Du nicht. Du glaubst halt nicht daran.

Aha. So sieht das also aus.
Versteht mich bitte nicht falsch. Wenn jemand kein Fleisch mehr essen will, weil es ihm nicht schmeckt, weil es schädlich ist, weil es ihm nicht bekommt, weil es zu teuer ist... meinswegen. Aber bitte: Verschont mich doch mit diesem scheinheiligen Sprechdurchfall. Entweder, man zieht die Sache durch, oder man lässt es. Aber da stolpert man ja auch mal gerne über seine Bequemlichkeit.

Was ich eigentlich sagen will, ist: Irgendwann habe ich dann mal gemerkt, dass die Sache doch ernster war. Die Sache mit der Vegetarie ist ja eher harmlos und vielleicht auch in der Epoche des Gammelfleischs ratsam. Aber es steckte noch viel mehr dahinter. Ich habe oben erwähnt, dass der Typ sich selbst einen Geistheiler nannte, sog. "Rückführungen" unternahm. Auch die damalige Freundin meines Schwagers hatte plötzlich keine Kopfschmerzen mehr, nachdem der Wunderheiler Ihren Namen auf einen Bierdeckel geschrieben hatte (kein Witz!). Tja und meine Schwiegermutter hatte dann auf einmal keine Athritis mehr. Alles Erfolge des Geistheilers, sagte man.
Ich will mich auch gar nicht darin ergehen, welche anderen Erklärungsansätze es gibt (Stressreduktion, Ernährungsumstellung etc), ich bin kein Mediziner. Tatsache ist jedoch, dass über kurz oder lang fast die ganze Familie glaubte, der Messias persönlich sei aufgetaucht. Gott sei dank ist meine Frau da eher skeptisch bis zurückhaltend veranlagt (aber dazu ggf später mehr). Man ging dann nicht mehr zum Arzt, nein, man rief den Geistheiler an oder fuhr halt hin.

Im Übrigen sei es auch für die Genesung kontraproduktiv, wenn man die Schulmedizin bemühe (auch dazu später mehr). Soweit ich weiß, verlangt der Typ auch gar kein Geld. Aber er verkauft Versicherungen. Jaaaaa. Ein Geistheiler, der einem eine Risikolebensversicherung verkauft. Oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Häääää? Wozu bitte? Wenn ich doch immer geheilt werde, wozu brauch ich dann sowas? Nicht überzeugt? Dann kann ich auch in einen Aktienfond investieren. Oder in eine stille Beteiligung. Oder, oder, oder. Unglaublich, das.
Also eines musste ich dem Typen schon immer zugestehen: Wer Leuten, die sich eines einigermaßen klaren Verstandes erfreuen, so eine Story glaubhaft machen kann, jemand der es schafft, Menschen nicht nur finanziell, sondern auch psychisch, ja sogar spirituell an sich zu binden, der ist ein ganz großer Manipulator. Bin ich der Einzige, der das gefährlich findet?

Seither hat sich die Situation zugespitzt. Ich kann da nicht reindiskutieren, niemanden mehr zu Vernunft bringen. Das verstehst Du nicht, daran muss man glauben. Glauben ist nicht Wissen. Es ist so einfach, aber zu kompliziert um es Dir mal so eben zu erklären. Wenn Du wüsstest, was ich weiß, würdest Du auch anders reden - dann würdest Du auch glauben.
Das sind dann so die Antworten die man so kriegt.
Also ich halte mich für keinen Samariter oder sowas. Aber ich empfinde für meine Mitmenschen so etwas wie ein Verantwortungsgefühl. Und das macht mir dann eine Scheißwut. Dieses gönnerhafte Getue, dieses Scheinheilige. Wenn man keine rationalen Argumente mehr zulässt. Wenn man mit einer Hand an dén Rand des naiven Dümmlings, des Ungläubigen unwissenden geschoben wird. Aber ich rege mich wieder auf. Und das wollte ich ja eigentlich nicht mehr.

Ups. Schon wieder spät. Ich komme morgen nochmal durch.

 TBC...

24.5.10 23:45


Über das Loslassen #1

Ich halte mich nicht für einen zu guten Menschen. Eigentlich nehme ich mir auch vor, nicht jedem hinterher zu laufen und zu versuchen, es jedem Recht zu machen. Meistens gelingt mir das auch ganz gut. Bei der Familie ist das irgendwie anders. Ständig lasse ich mich in irgendetwas reinziehen...

Tja. Es heißt immer so schön, die Familie kann man sich nicht aussuchen, das stimmt aber nur bedingt, wenn es um die Schwiegereltern geht. Es ist nicht gerade so, dass ich grundsätzlich ein schlechtes Verhältnis zu denen hätte. Ganz im Gegenteil - wir fahren auch schon mal zusammen in den Urlaub, und mein Sohne vergöttert die Beiden.

Aber genug des Rumgelabers: Zur eigentlichen Geschichte:

Es geht im Wesentlichen um meine Schwiegermutter. Sie ist vor einem Jahr an Darmkrebs erkrankt. Die ist durch eine Blutuntersuchung herausgefunden worden, nachdem Sie sich nach langem hin und her endlich dazu durchgerungen hat, zum Arzt zu gehen und sich mal durchchecken zu lassen.
Dem Doc sind bei der Auswertung die Augen übergegangen. Also hieß es: ab ins CT, Magenspiegelung, und das ganze Programm. Ein paar Tage später lag Sie unterm Messer, wo man Ihr ein Tumorgebilde so groß wie ein Tennisball rausgeschnitten hat. Darmwand durchbrochen, einige benachbarte Lymphknoten befallen - alles wechgeschnitten.
So weit so gut - wenn man das so sagen kann. Eine Geschichte, die, wenn man es nüchtern und kalt ausdrückt, leider nicht wirklich ungewöhnlich erscheint. Und dies ist auch nicht der wirkliche Grund für mein Auftauchen in der Blog-Welt.
Nein - dazu müssen wir noch einen kleinen Sprung nach hinten machen und noch ein wenig in die Vergangenheit schauen.

TBC...

 

24.5.10 13:21





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